Inhalt: Für sie bedeutet es auch ein Stück Freiheit

Für sie bedeutet es auch ein Stück Freiheit

Frauen aller Kulturen lernen Radfahren in Theorie und Praxis

  • Schon am zweiten Tag versuchten sich die Teilnehmerinnen an einem kleinen Slalomparcours. Zwei Tage später sollten sie bereits vom Roller aufs Rad umsteigen. Foto: KrämerSchon am zweiten Tag versuchten sich die Teilnehmerinnen an einem kleinen Slalomparcours. Zwei Tage später sollten sie bereits vom Roller aufs Rad umsteigen. Foto: Krämer
Bild von

Neustadt (cck). Für manche der Teilnehmerinnen ist es eine komplett neue Erfahrung: Dass sie sich mit einem Roller geschweige denn mit einem Fahrrad fortbewegen, wäre in ihrem Heimatland undenkbar gewesen. So dreht Rouwaida Al Omar, sie kam vor fünf Jahren von Syrien nach Deutschland, das erste Mal ihre Runden über den Hof der Hans-Böckler-Schule.

Kirchenkreis Neustadt-Wunstorf, Refugium und Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club (ADFC) Region Hannover realisierten mit Beginn der Osterferien einen „Radkurs für Frauen aller Kulturen“. Aufgeteilt in einen Vormittags- und einen Nachmittags-Kurs machen sich die Teilnehmerinnen zwei Wochen lang mit dem Radfahren in Theorie und Praxis vertraut. Bevor sie aufs Rad steigen, gibt es erst einige „Trockenübungen“ mit dem Roller. „Sie schwenken ihn zur Seite, gehen einmal darum herum, steigen auf und wieder ab“, schildert Sabine Nowak vom ADFC die ersten Versuche. Sieben Frauen meldeten sich für den Vormittags-Kurs, sechs für das Angebot am Nachmittag an. Al Omar kommt gemeinsam mit ihren Kindern, die zum Spaß auch beim Slalom-Parcours über den Hof mitmachen. Sie sind im Radfahren längst geübt, ihre Mutter hingegen hat es nie gelernt. In Syrien schicke es sich nicht, eine Frau auf dem Rad zu sehen, sagt Al Omar. „Ich möchte mit meinen drei Kindern und meinem Mann gemeinsam fahren“, erklärt die 31-Jährige ihre Motivation.

Nowak zeigt den Teilnehmerinnen Schritt für Schritt, wie sie mit dem Gefährt umgehen. Dabei orientiert sie sich an dem Lernkonzept „moveo ergo sum“, entwickelt von Christian Burmeister vom Verband der Radfahrlehrer, der sie ebenfalls anlernte. Etwa 300 Lernkarten hält Nowak in ihren Händen, die sie gezielt den Bedürfnissen der Frauen anpasst. Dazu gehören viele Gleichgewichts- und Beweglichkeitsübungen, etwa Hindernisse geschickt zu umfahren oder auch seinen Sinnen mit geschlossenen Augen zu folgen, „bis es ihnen ins Rückenmark übergeht“, so Nowak. „Deshalb müssen sie auf jeden Fall auch nach dem Kurs weitermachen“, betont sie.

Für die Frauen bedeute das Radfahren nicht nur mehr Selbstständigkeit, „sondern auch Freiheit“, ergänzt Yasmin Linicus, Koordinatorin in der Flüchtlingshilfe, die den Kurs wieder aufleben ließ. Den Abschluss bildet eine gemeinsame Spitztour durch Neustadt. Wo es langgehen soll, will sich Nowak noch überlegen.

Seite drucken DruckenSeite teilen Teilen Ausgabe-Nr. 1048 vom 13.04.2019