Inhalt: Große Trauer nach Bootsklau weicht Erleichterung und Freude

Große Trauer nach Bootsklau weicht Erleichterung und Freude

Manfred Scholte hat seine „Dorle“ schnell wieder

  • Manfred Scholten winkt glücklich von der unverhofft schnell wiedergefundenen „Dorle“.   Foto: SeitzManfred Scholten winkt glücklich von der unverhofft schnell wiedergefundenen „Dorle“. Foto: Seitz
  • Am Dienstagmorgen hatte er den Liegeplatz an der Leine leer vorgefunden, die Schlösser waren geknackt.   Foto: SeitzAm Dienstagmorgen hatte er den Liegeplatz an der Leine leer vorgefunden, die Schlösser waren geknackt. Foto: Seitz
  • Polizist Thilo Hadeler freute sich mit Scholten, half mit einem Messer aus, um das festgebundene „Beutestück“ zu lösen.    Foto: SeitzPolizist Thilo Hadeler freute sich mit Scholten, half mit einem Messer aus, um das festgebundene „Beutestück“ zu lösen. Foto: Seitz
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Basse. Es sind nicht die schönsten Tage in meinem Beruf, wenn man zu Menschen fährt, denen etwas Trauriges widerfahren ist. Der Fall von Manfred Scholte scheint so einer zu sein. Nur mit belegter Stimme können er und seine Frau Rosemarie erzählen was passiert ist.

Vor etwas mehr als drei Jahren starb Scholtens Tochter, der Schicksalsschlag traf den heute 81-Jährigen hart. Der gelernte Maschinenbau-Monteur stürzt sich noch einmal in die Arbeit, um den Verlust zu verarbeiten. Aus Edelstahl-Resten, die er schon lange gesammelt hat, entsteht noch einmal ein Großprojekt. Die „Dorle“ ist ein Boot mit zwei Katamaran-Schwimmkörpern aus dem hochwertigen Stahl. Ein Geländer außen herum sorgt für Sicherheit, der 9,9 PS starke Außenborder für Vortrieb. Fast zwei Jahre hat der Basser gebaut, dann verhelfen Nachbarn und Familie „Dorle“ zu einem gefeierten Stapellauf in die Leine - und erleben erste, schöne Fahrten. Das Boot liegt fortan im Leinebogen an einem eigens gebauten Steg. Per Metallüberwurf und zwei Schlösser ist es gesichert.

Am Montag lag das Unikat noch am Steg, Nachbarn hatten es gesehen. Als Scholten am Dienstagmorgen über die Wiese zum Boot ging, fand er nur noch eines der beiden Schlösser im flachen Leine-Wasser. „Da muss schon ein großer Bolzenschneider her, um die zu knacken“, sagt der Senior. „Wer macht so etwas“, fragt er sich. Von der Straße aus ist das Boot nicht zu sehen. Er vermutet, das jemand die „Dorle“ vom Wasser aus entdeckt hat und ihm das Boot gefiel. Auch ein „Dummerjungenstreich“ kommt für Scholte in Frage, „aber wer geht denn dafür mit einem Bolzenschneider los?“

„Versichert ist es nicht“, sagt Scholte. Der Materialwert allein würde ihm auch nichts nützen. Es sind die Erinnerungen, die das Boot für ihn und seine Frau wertvoll machen. „Nochmal hätte ich nicht die Kraft, so ein Projekt anzugehen.“

Die Polizei nahm den Diebstahl auf, wollte sogar das Ufer flussabwärts per Drohne absuchen lassen, um die Stelle zu finden, an der das rund 150 Kilogramm schwere Boot aus dem Wasser geholt worden sein könnte. „Ohne Spuren geht das nicht“, ist Scholte sicher.

Seine Nachbarn haben zwischenzeitlich mobil gemacht, Freunde und Bekannte gebeten, die Augen offen zu halten. Auch Internetplattformen haben sie im Auge. Dabei entdeckt eine Nachbarin, dass es durchaus ähnliche Wasserfahrzeuge gibt. „Die werden mit 15.000 bis 50.000 Euro gehandelt“, erzählt sie.

Bereits für den Nachmittag, so verspreche ich, soll mein Artikel online gehen. Ich hoffe, dass sich das Boot anfindet, so sehr ist die Traurigkeit der beiden Basser zu spüren. „Wenn es sich wieder anfindet, machen wir eine Tour auf der Leine“, verabschiedet mich Manfred Scholte.

Auf dem Weg nach Hause komme ich über die Leinebrücke in Basse. Ich stoppe kurz, schaue nach links und rechts. Eine Reflektion in der nächsten Kurve flussabwärts erregt meine Aufmerksamkeit. Ein Blick durch das Teleobjektiv: Das könnte ein Boot sein, die Zoomfunktion bestätigt die Vermutung. Es ist die Dorle, so wie ich sie auf Fotos bei den Scholtes gesehen habe.

Ich fahre zurück, ungläubig schauen die beiden Basser mich an, als ich von meinem Fund berichte. Mit Manfred Scholte fahre ich zur Fundstelle. Der 81-Jährige jauchzt vor Glück - schon im Auto. Und nochmal, als er sein Boot vor sich in der Böschung unter einem Baum sieht.

Wir rufen die Polizei. Kurz später ist ein Streifenwagen vor Ort, Scholte ist kaum zu halten. Er steigt auf seine „Dorle“, die Diebe haben sie sogar festgebunden. Polizist Thilo Hadeler reicht dem Besitzer ein Messer, Scholten trennt das Seil.

Der Außenborder ist noch da - und wohl der Grund dafür, dass der Katamaran noch nicht verschwunden ist. „Die haben ihn bestimmt nicht starten können, da ist ein Gang drin“, stellt Manfred Scholte fachmännisch fest. Ein paar Mal drückt er auf die Handpumpe, zieht am Starterseil - der Yamaha springt auf Anhieb an.

Juchzend und winkend gibt der Senior Gas, tuckert Leine-aufwärts nach Hause. Ob die „Dorle“ dort künftig weiter am Fluss liegen wird oder wie sie gesichert werden soll, will er sich später in Ruhe überlegen.

„Mein Versprechen gilt, wir machen eine Tour“, hat mir der wieder glückliche Bootsführer noch zugerufen, bevor er außer Sicht ist. Das sind die schönen Tage in meinem Beruf. Oliver Seitz

Seite drucken DruckenSeite teilen Teilen Ausgabe-Nr. 1161 vom 12.06.2021