Inhalt: „20 Gramm pro Hektar sind nicht exzessiv“

„20 Gramm pro Hektar sind nicht exzessiv“

Landwirte kritisieren politische Manöver zu ihren Lasten

  • Natur- und Umweltschutz, auch wenn auf Feldern gespritzt wird: Wilfried Stelling (v.re.), Andrea Hoops und Arne Klages, räumen Fehler in der Vergangenheit ein, wollen aber auch weiter Lebensmittel produzieren.     Foto: SeitzNatur- und Umweltschutz, auch wenn auf Feldern gespritzt wird: Wilfried Stelling (v.re.), Andrea Hoops und Arne Klages, räumen Fehler in der Vergangenheit ein, wollen aber auch weiter Lebensmittel produzieren. Foto: Seitz
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Wulfelade (os). Der Aufruf zur Unterschriftensammlung für das Volksbegehren Artenschutz in Niedersachsen hat landesweit auch für Kritik gesorgt - und nicht nur den Landwirt Wilfried Stelling auf die Palme gebracht. Er stößt sich vor allem an zwei Dingen: „Der NABU rührt jetzt die Werbetrommel für das Volksbegehren, hat aber vorher mit am Tisch gesessen und zum ‚Niedersächsischen Weg‘ verhandelt“, sagt der Landwirt. Mehr zu diesem Konstrukt auch im Kasten. Mindestens ebenso regt ihn aber der Vorwurf des „exzessiven Pestizid-Einsatzes“ auf. „Wenn mal jemand von den örtlichen Akteuren mit uns gesprochen hätte, könnten sie es besser wissen“, so Stelling. Der Wulfelader hat die Neustädter Zeitung eingeladen, um im Gegensatz zu den Befürwortern „Zahlen auf den Tisch zu legen.“ Mit dabei die Landberaterin Andrea Hoops und ihr Kollege Arne Klages. Beide ebenfalls selbst Landwirte. Stelling zeigt, wie sich seine mittlerweile 6,5 Hektar Blühflächen verteilen. „Das sind drei Fußballfelder mehr als das vorgeschriebene Minimum“, sagt er. „Landwirte haben ein Eigeninteresse an Insekten, weil sie für die Bestäubung sorgen“, ergänzt Hoop.

Pestizide werden laut Klages über zehn Jahre hinweg entwickelt, „vergleichen Sie das mal mit der Entwicklung des Corona-Impfstoffes“. Die Toxizität nehme immer mehr ab. Die Dosierungen ebenfalls. „Bei manchen Mitteln werden maximal 20 Gramm Wirkstoff auf einem Hektar eingesetzt“, sagt Stelling, „wo ist das exzessiv?“. Das Pestizid, dass er auf Kartoffeläckern einsetzt, wird mit einem Liter für 200 Liter Spritzbrühe angesetzt, die reichen für einen Hektar - also zwei Fußballfelder.

Der Einsatz ist nach Darstellung der Landwirte nötig, damit Unkraut als Konkurrenz um Nährstoffe ausgeschaltet wird - so wird auch der Düngereinsatz minimiert. „Das Hacken von Unkraut wird auch bei konventionellen Kollegen immer mehr“, berichtet Klages. „Das Überleben aber viele Bodenbrüter und ihr Nachwuchs nicht“, macht er ein Manko deutlich.

Laut Stelling ist eine gute Storchenpopulation unstrittig ein gutes Zeichen für funktionierende Natur. „Hier haben wir in mehr als jedem zweiten Ort ein besetztes Storchennest.“ „Wir können mit geradem Kreuz sagen, dass wir Umwelt- und Naturschutz betreiben“, so Stelling.

Exzessiv würden weder Dünger noch Pestizide eingesetzt, unterstreicht Klages. „Schon aus Kostengründen halten sich Landwirte dabei soweit wie möglich zurück“, sagt er. Selbstverständlich orientiere man sich aber am erwarteten Ertrag. Das werde für beide Bereiche auch ausführlich dokumentiert und kontrolliert. Stelling lässt jedes Jahr Bodenproben untersuchen und einen Nährstoffvergleich durchführen. Das Ergebnis ist ebenso Grundlage für den Düngereinsatz wie die Fruchtfolge und das Wetter. „Ich will damit ja etwas erreichen. Alles, was die Pflanze nicht aufnehmen kann, sickert in den Boden, also setze ich nur so viel ein, wie die Pflanzen aufnehmen können.“

„Bis vor einigen Jahren ist da sicher auch was schief gelaufen“, räumt Klages ein. Digitale Sofortmeldungen und erheblicher dokumentarischer Aufwand sorgten in Niedersachsen aber für ein hohes Maß an Transparenz. „Wir produzieren hier Lebensmittel, das ist eben ein Eingriff in die Natur“, sagen die drei. Die Auflagen müssten gerade für kleinere Betriebe aber auch umsetzbar bleiben und Möglichkeiten zum Wirtschaften lassen - regional sind die Variablen dabei sehr unterschiedlich.

Boykottiert der NABU den „Niedersächsischen Weg“?

Eine hochrangiger politischer Einwurf ließ am Mittwoch aufhorchen: Johanne Modder, SPD-Fraktionschefin im Landtag Niedersachsens kritisierte nach zahlreichen Medienberichten den Naturschutzbund NABU scharf für die Unterstützung des Artenschutz-Volksbegehrens. Der Vorwurf: Der Verband habe um den „Niedersächsischen Weg“ mitverhandelt, das Engagement jetzt laufe dem zuwider. Der NABU solle sich überlegen, wem er dienen will, wird sie zitiert.

Der Landvolk-Vorsitzende Volker Hahn aus Hagen kann das nur unterstreichen. „Das die Leute hier vor Ort etwas gutes wollen, kann man keinem zum Vorwurf machen. Die meinen es gut, werden aber vor den politischen Karren gespannt.“

Der BUND beteilige sich ja zum Beispiel nicht beim Volksbegehren, hält Hahn fest. „Anders als der NABU meint es dieser Verband offensichtlich ernst in Sachen ‚Niedersächsischen Weg‘“. Dazu hatten Landesregierung, NABU, BUND, Landvolk und Landwirtschaftskammer über künftige gesetzliche Vorgaben mit regionalen Schwerpunkten verhandelt - und eine gemeinsame Erklärung unterschrieben. „Insekten und Rebhühner kann man nicht auf die selbe Weise retten.“ Für Hahn lässt sich der Naturschutzbund von Bündnis 90/Grünen vor den Karren spannen, denen ein wichtiges Thema wegbreche. So ginge Vertrauen in den Verhandlungspartner verloren, meint der Landvolk-Vorsitzende Richtung NABU.

Auch der CDU-Landtagsabgeordnete Sebastian Lechner setzt auf den gemeinsamen Weg, „den Bedarf für ein Volksbegehren Artenschutz sehe ich daher nicht“, sagt er. Dafür sei das Modell auch mit ausreichenden Finanzmitteln angelegt und solle erstmal wirken.

Seite drucken DruckenSeite teilen Teilen Ausgabe-Nr. 1111 vom 27.06.2020