Inhalt: „Wer mehr Radwege baut, bekommt auch mehr Radfahrer“

„Wer mehr Radwege baut, bekommt auch mehr Radfahrer“

Mehr Sicherheit gefordert - große Verkehrsentlastung möglich

  • Der Verkehrsexperte Prof. Dr. Wolf-Rüdiger Runge referierte als einer von drei Experten zum Thema Radverkehr. Das Interesse an der Veranstaltung von Grünen-Bürgermeisterlandidat Dominic Herbst war groß, der blaue Saal im Ratskeller gut gefüllt. Fotos: SeitzDer Verkehrsexperte Prof. Dr. Wolf-Rüdiger Runge referierte als einer von drei Experten zum Thema Radverkehr. Das Interesse an der Veranstaltung von Grünen-Bürgermeisterlandidat Dominic Herbst war groß, der blaue Saal im Ratskeller gut gefüllt. Fotos: Seitz
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Neustadt (os). Strukturelle Probleme verhindern nicht nur in der Kernstadt, dass mehr Menschen das Fahrrad nutzen - da waren sich sowohl Grünen-Politiker als auch zahlreiche Gäste einer Themenveranstaltung am Mittwochabend einig. Bürgermeisterkandidat Dominic Herbst hatte eingeladen - und nannte ein ehrgeiziges Ziel - in dem Bewusstsein sich dem bestenfalls annähern zu können: „Radfahrer sollen sich in Neustadt so sicher fühlen können, als wenn sie im Auto sitzen.“ Derzeit sehe das an vielen Stellen nicht förderlich aus - und wer sich selbst schon nicht sicher auf dem Rad fühle, lasse dann auch seine Kinder nicht zur Schule radeln.

„Wenn alle die, die das Auto nicht unbedingt nutzen müssten, auch auf das Fahrrad umsteigen, profitieren davon auch die übrigen Autofahrer“, hielt Svantje Henrike Michaelsen, Verkehrspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion in der Regionsversammlung fest - gleichlautend mit Herbst. Bisher sieht das nach Umfrageergebnissen anders aus. Studenten von Verkehrswissenschaftler Prof. Dr. Wolf-Rüdiger Runge hatten Neustädter unter anderem am Bahnhof und an Supermärkten zu ihrem Mobilitätsverhalten befragt. Ergebnis: Bis zu einen Kilometer geht die überwiegende Mehrheit zu Fuß, mit zunehmender Distanz wird aber meist ins Auto gestiegen. Das gilt für fast drei Viertel der Befragten.

Die Ursachen liegen für Runge unter anderem in der Radwegbeschaffenheit. Die lässt nach seinen Worten vielerorts zu wünschen übrig. Als Beispiele wurden - auch von Zuhörern - der Weg zwischen Empede und Neustadt, aber auch die Fuß- und Radwege in den Neubaugebieten genannt. „Wenn ich wegen Pfützen schon nach kleineren Regenschauern immer eine zweite Garnitur Kleidung mitnehmen muss, radele ich eben nicht zum Bahnhof“, berichtete der Neustädter Runge aus der Praxis - mit Bildbelegen aus dem Auenland.

Weitere Knackpunkte in der Kernstadt: Fahrrad-Angebotsstreifen enden entlang der Königsberger Straße mit einem Schwenk am Bordstein oder werden oft als zu schmal empfunden wie auf der Lindenstraße und an der Landwehrunterführung. Häufiger Kritikpunkt bleibt das Nadelöhr Löwenbrücke als einzige Verbindung zum Gewerbegebiet Ost. Ein Hinweis von Runge trifft zudem die Beschilderung. Die sei meist freizeitorientiert, richte sich nicht an Pendler.

Auch wer aus den Dörfern nach Neustadt radeln will, kann das meist nicht auf Radwegen machen. „Wir haben im Stadtgebiet 60 Kilometer Landesstraßen, aber nur 20 Kilometer mit Radwegen“, sagt Volker Kempf vom ADFC. Seit fast 21 Jahren setzt er sich für eine Erweiterung ein, wirklich gebaut wurden seither nur drei, zuletzt 2009 zwischen Mardorf und Schneeren (Foto). Immerhin ein Neubau soll in diesem Jahr starten, zwischen Mandelsloh und Helstorf. Den plante die Stadt schon seit 2006, vielleicht wird er 13 Jahre später fertig.

„Verkehrspolitik wird in Deutschland seit 70 Jahren immer durch die Windschutzscheibe gemacht“, versuchte sich Svantje Michaelsen plakativ. Aus den auch von Runge zitierten, positiven europäischen Beispielen - neben mehreren niederländischen Städten vor allem Kopenhagen - griff sie ein spezielles heraus. In der Region Utrecht pendeln täglich 30.000 Menschen per Fahrrad - auf entsprechend ausgebauten Wegen. Zudem gibt es dort ein Fahrradparkhaus mit 12.000 Plätzen. „Städte mit viel Fahrradverkehr werden lebendiger wahrgenommen und sind leiser“, sagte die Politikerin. Besonders Kopenhagen zeigt für sie: Wenn man gute Fahrradinfrastruktur baut, bekommt man auch Radfahrer, baut man Straßen für Autos, nehme der Autoverkehr zu.

Objektiv keine Probleme im Stadtverkehr

... und auch zu wenige Parkplätze habe Neustadt nicht, sagt Verkehrsexperte Wolf-Rüdiger Runge. „Keine Verkehrsprobleme“ bezieht er dabei hauptsächlich auf den Autoverkehr und nimmt besondere Situationen wie im vergangenen Jahr mit der Schwerlastverkehrsumleitung betont aus. „Wenn man bei der Fahrt durch die Stadt mal nicht mit Tempo 50 vorankomme, gingen nur wenige Sekunden verloren“, sagte er. Der Professor betont allerdings auch, dass Neustadt kein schlüssiges Verkehrskonzept hat. Das gelte ebenso für den Radverkehr. „Wenn hier Radwege ausgeschildert sind, dann meist für den Freizeitbereich“, hielt er fest. -os-

Seite drucken DruckenSeite teilen Teilen Ausgabe-Nr. 1045 vom 23.03.2019