Inhalt: Massive Elternproteste können Ganztagsbeschluss nicht verhindern

Massive Elternproteste können Ganztagsbeschluss nicht verhindern

Schulausschuss unterstützt Modellprojekt bei vier Gegenstimmen

Neustadt (os). So richtig glücklich zeigten sich auch Politiker aller Fraktionen nicht mit dem Beschluss, trotzdem stimmten die dem Modellprojekt „Teilgebundene Ganztagsgrundschulen“ (TGS) in Mandelsloh/Helstorf und an der Michael Ende Schule bei vier Gegenstimmen zu.

Der Rat entscheidet in seiner Sitzung am Donnerstag, 8. März, ab 18 Uhr im Sitzungssaal Nienburger Straße 31, ob die Verwaltung gegenüber der Landesschulbehörde ihr Einvernehmen zum eingereichten Antrag erklären soll.

Die Gegenstimmen kamen von FDP-Ratsfrau Ute Bertram-Kühn, für die noch zu viele Fragen offen sind und von Lehrer-Vertreter Kai Eichmann. Der hat aus der Erfahrung am Gymnasium heraus „überhaupt kein Verständnis“, warum nicht eine offene Ganztagsschule als Organisationsform gewählt wird.

Das war Wasser auf die Mühlen anwesender Eltern, die massiv gegen die Abkehr von der „Verlässlichen Grundschule“ (VGS) - bis 13 Uhr - Front machten und mit zahlreichen Fragen in einer deutlich verlängerten Einwohnerfragestunde versuchten, die Entscheidung zu verhindern. Die Auflösung der Schulbezirke und mögliche Losverfahren (siehe Kasten) lagen ihnen dabei ebenso auf der Seele wie die ihrer Meinung nicht vor der Entscheidung erfolgte Beteiligung des Schuleltern- und des Schülerrates. Die Forderung nach einer offenen Ganztagsschule wurde mehrfach erhoben.

Sigrid Bierwirth, Leiterin der Michael Ende Schule, machte jedoch deutlich, dass mangels Kontrolle auf die Qualität der Nachmittagsangebote sowie häufig wechselnder Bezugspersonen diese Variante für das Kollegium nicht überzeugend war.

Ein Vater warf der Schulleitung und der Stadt ein unausgegorenes Konzept vor, in dessen Rahmen die Kinder als „Versuchskaninchen“ missbraucht würden. „Warum muss das jetzt so schnell sein?“, wollte eine Mutter wissen. Sie würde lieber warten, bis alle Rahmenbedingungen - auch bauliche - geschaffen sind. Der Schulversuch, mit dem das Konzept umgesetzt werden soll, ließe das aber nicht zu. Er kann in Neustadt statt vierjährig nur noch drei Jahre durchgeführt werden, weil eine der vier Projekt-Kommunen bereits zum vergangenen Schuljahr startete.

Mehrere Eltern wollten wissen, warum das ursprüngliche Konzept nicht eher mit den Behörden abgestimmt wurde. Wie Bürgermeister Uwe Sternbeck am Rande der Sitzung sagte, waren Vertreter von Landesschulbehörde und Kultusministerium (MK) während der ganzen Planungszeit beteiligt, Hinweise auf die Nicht-Machbarkeit habe es erst spät gegeben - wie die Neustädter Zeitung erfuhr angeblich erst nach Antragsstellung am 1. Dezember.

Unverständnis gab es am Rande der Sitzung von UWG-Fraktionschef Willi Ostermann. Er fragt sich, warum es aus der Ablehnung des MK gerade ein Halbsatz in die Drucksache geschafft hat, das Schreiben auch nicht als Anlage beigefügt war.

Bis auf Eichmann, Bertram-Kühn und zwei Schüler-Vertreterinnen stimmten alle anderen Ausschussmitglieder für das Modell. UWG-Ratsherr Günter Hahn zeigte sich „nach intensiven Gesprächen überzeugt von dem Modell.“ Stephan Iseke sagte für die Fraktion Grüne/Linke, es gelte auch die Kinder mitzunehmen, deren Familien oder alleinerziehende Mütter sich eine Betreuung ab mittags nicht leisten könnten. „Die Elternfragen gut nachvollziehen“, konnte Björn Niemeyer (CDU). Die Kombination von VGS und TGS aufzugeben sei für die Christdemokraten „alles andere als leicht, das einzusehen“. Eine Ideallösung sähe für ihn anders aus, die CDU stehe aber zum Modellversuch. Das sieht bei der SPD genauso aus, trotzdem fiel die Entscheidung der Genossen für den TGS-Antrag aus.

In seinem Schlusswort vor der Abstimmung hatte Bürgermeister Uwe Sternbeck darauf hingewiesen, dass die Beteiligten aufgrund auslaufender Fristen gezwungen waren, nun so schnell zu handeln. Sein Hinweis, in keinem anderen Bundesland werde dem Elternwillen so viel Bedeutung beigemessen, kam bei den Kritikern erwartungsgemäß weniger gut an.

Der MES-Schulelternrat traf am Montagabend nach langer Diskussion keine Entscheidung, bestätigt aber wie erforderlich seine Beteiligung.

Fallen die Schulbezirke - und was passiert dann?

Die Beschlussdrucksache zur Einführung des „Teilgebundenen Ganztags“ an der Michael Ende Schule und in Mandelsloh/Helstorf sagt es explizit - auf ausdrücklichen Wunsch von CDU und SPD und gegen die Meinung der Verwaltung: „Die Schulbezirke der Kernstadt werden als gemeinsamer Schulbezirk festgelegt.“ Sollte der Rat das beschließen, müsste auch eine Satzung geändert werden, in der die Schulbezirke geregelt sind. Fallen die Bezirke, wären die drei Kernstadt-Grundschulen Stockhausenstraße, Hans-Böckler Schule und Michael Ende Schule jeweils „Angebotsschulen, die grundsätzlich jedem Kind in der Kernstadt offen stünden. Laut Verwaltung muss der gemeinsame Bezirk nicht sein, um den Eltern die Wahlmöglichkeit zu lassen. „Das Schulgesetz sieht das auch ohne Bezirksaufhebung so vor“, sagt Stadtsprecherin Pamela Klages. Bleiben die Bezirke würden nur freie Kapazitäten an der MES ausgelost, fallen sie gibt es ein Losverfahren für alle Schüler, die angemeldet werden.

Kommentar:

Eine verfahrene Situation

Die Atmosphäre zwischen Verwaltung, Schulleitung und den enttäuschten Eltern, die ihr Kind an der Michael Ende Schule nicht bis mittags beschulen lassen können, ist offensichtlich vergiftet. Angesichts der Vorwürfe einiger Eltern stellt sich die Frage, ob das Vertrauen in das Schulkollegium überhaupt noch gegeben ist. Eltern, die Pädagogen unterstellen, ihre Kinder als Versuchskaninchen missbrauchen zu wollen, müssen sich grundsätzlich fragen, ob sie ihre Sprösslinge guten Gewissens auf diese Schule schicken können. Schließlich macht das Verhalten gegenüber dem Kollegium auch etwas mit den Lehrern - professionelle Distanz hin oder her. Eine gute Grundlage für eine erfolgreiche Bildungspartnerschaft zwischen Elternhaus und Schule ist das nicht.

Die vergiftete Situation liegt aber auch in der suboptimalen Kommunikation begründet, diesen Schuh müssen sich Schulleitung und Verwaltung anziehen. Bei der Schnelligkeit, mit der nach der Absage durch das Kultusministerium umgeschwenkt wurde, bleibt zudem die Frage offen, ob der ursprüngliche Antrag erst Anfang Dezember gestellt werden musste oder konnte. Das Anmeldeverfahren hat dazu Begehrlichkeiten geweckt, die jetzt jäh enttäuscht wurden, entsprechende Reaktionen sind damit auch ein Stück weit verständlich.

Die Eltern, die ihre Kinder mittags Zuhause haben wollen und eine gute Betreuung sicherstellen können, sind inhaltlich sicher in die pädagogisch wertvollste Richtung unterwegs. Sie sollten aber nicht aus den Augen verlieren, dass eine deutlich Dreiviertel-Mehrheit sich für das Ganztagsmodell entschieden hat - und diese Kinder ebenfalls ein Anrecht auf die bestmögliche Betreuung haben. Die offene Ganztagsschule ist das bestimmt nicht, auch wenn es landesweit viele davon gibt. Wie das neue Konzept aussieht, scheint die Kritiker - gemessen an ausbleibenden Nachfragen - nicht zu interessieren, es geht ihnen wohl ausschließlich um Grundsätzliches.

Oliver Seitz

Seite drucken DruckenSeite teilen Teilen Ausgabe-Nr. 2308 vom 07.03.2018