Inhalt: Inklusion ist nicht immer die beste Lösung

Inklusion ist nicht immer die beste Lösung

Eine Expertin und drei Schulleiter im Gespräch

  • Dr. Astrid Zils-Wierling unterrichtet seit 2001 an dem Neustädter Gymnasium. Seit 2013 übernimmt sie auch die Rolle der Koordinatorin im Bereich Inklusion. Foto: KrämerDr. Astrid Zils-Wierling unterrichtet seit 2001 an dem Neustädter Gymnasium. Seit 2013 übernimmt sie auch die Rolle der Koordinatorin im Bereich Inklusion. Foto: Krämer
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Neustadt (cck). Alle lernen zusammen - diese Möglichkeit besteht seit drei Jahren auch für Schüler mit speziellem Förderbedarf. Fast jedes zweite betroffene Kind besucht inzwischen eine Regelschule - das ergab eine Abfrage der Region Hannover (wir berichteten). Und die Zahlen steigen.

An der Leine-Schule werden in diesem Jahr 57 Kinder inklusiv beschult, an der Kooperativen Gesamtschule (KGS) sind es 22, am Gymnasium 15. Laut der Abfrage der Region ist besonders der Anteil der Schüler mit dem Förderschwerpunkt Lernen gestiegen und liegt jetzt bei 66 Prozent. Auch an den weiterführenden Schulen in Neustadt ist der „zieldifferente Bildungsgang“ am häufigsten vertreten. Allerdings ist es laut Dr. Astrid Zils-Wierling, Koodinatorin für Inklusion am Neustädter Gymnasium, gerade bei den Bildungsgängen „Lernen“ und „Geistige Entwicklung“ besonders schwierig, den Anforderungen gerecht zu werden. Die Kinder nehmen zwar gemeinsam mit den anderen Mitschülern am regulären Unterricht teil, fallen aber aufgrund ihrer kognitiven Einschränkung schneller zurück und benötigen Unterstützung von entsprechenden Förderschullehrkräften. „Ziel ist es aber eine gemeinsame Bildung zu schaffen“, betont Zils-Wierling. Sie selbst unterrichtet unter anderem in den Fächern Deutsch und Religion und ist Klassenlehrerin einer achten Klasse, welche größtenteils zieldifferent unterrichtet wird. Aus ihrer Erfahrung bringen sich die Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf umso intensiver in kreativen Fächern, wie Kunst und Musik ein. Auch sportliche Arbeitsgemeinschaften, als Beispiel nennt sie die Mountainbike-AG, werden gut angenommen.

Als potentiellen Lösungsansatz für das Problem könnte sich die Pädagogin eine noch stärkere Kooperation mit den Förderschulen vorstellen. Momentan stehen dem Gymnasium drei Förderschulkräfte mit einem wöchentlichen Pensum von drei Stunden pro Schüler zur Verfügung. „Das müsste einfach noch viel mehr werden“, wirft die 44-Jährige ein. Möglich wäre laut Zils-Wierling eine „Beschulung unter einem Dach“ - jedoch angepasst an die unterschiedlichen Bedürfnisse und in getrennten Gruppen. Unabhängig vom Unterricht bilden sich unter den Schülern immer mal Grüppchen - das sei an jeder Schule normal.

Positiv an der inklusiven Beschulung findet Zils-Wierling, dass die Kinder in der Gemeinschaft schneller lernen selbstständig zu sein. „Das Netz spinnt sich einfach größer, als in einer Förderschule“, sagt sie. „Man muss eben schauen, was machbar ist.“

Das sagen die Schulleiter:

Tobias Hunfeld, Kooperative Gesamtschule: „Das Konzept erfordert ein sehr hohes Maß an Kommunikation, Teamfähigkeit und Fachkompetenz aller Beteiligten. Durch die vermittelte Inklusionskompetenz der Regelschullehrkräfte gelingt Inklusion an der KGS Neustadt trotz unzureichender Personallage im Bereich der Versorgung mit Förderschullehrkräften gut und ist im Kollegium akzeptiert.

Rainer Gieraths, Leine-Schule: „Mit 57 Kindern, die wir beschulen, kann man fast schon sagen, dass wir eine Förderschule sind. Bald werden auch die ersten Schüler ihren Abschluss machen. Was man nicht vergessen darf, ist dass es immer noch ein freiwilliges Angebot ist. Ich denke, dass das was wir tun, nach wie vor sinnvoll ist. Es gibt aber auch Ausnahmen.“

Reinhard Sell, Gymnasium: „Wir sind dazu verpflichtet, unserem Bildungsauftrag nachzukommen und den Schülern den Weg in den Beruf zu ebnen. Allerdings belügen wir uns, wenn wir sagen, dass dies für alle Schüler gleicher Maßen möglich ist. Das Positive an der inklusiven Beschulung ist jedoch, dass die Kinder untereinander intensiver in Kontakt treten können. Das müsste auch eine Normalität in der Gesellschaft sein.“

Seite drucken DruckenSeite teilen Teilen Ausgabe-Nr. 973 vom 04.11.2017